24. September 2021

Solidarität ist mehr als Klatschen! – „Corona-Rebellen“ und Gegenproteste in Rostock am 25.05.

Spaziergang“ von der Polizei aufgelöst.

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(c) Bildwerk Rostock @ flickr

Am 25.05. fanden in Rostock als Reaktion auf die anhalten „Spaziergänge“ der sog. „Corona-Rebellen“ mehrere Kundgebungen statt, die vom Bündnis „Rostock nazifrei“ organisiert und angemeldet worden waren. Seit mehreren Wochen fanden sich in Rostock Menschen zu „Montagsspaziergängen“ zusammen, um gegen die aus ihrer Sicht zu harten Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu protestieren. Gekennzeichnet waren diese Spaziergänge durch eine konsequente Missachtung der Hygienevorkehrungen zum Schutz vor dem Virus. Transparente, Parolen oder eigene Inhalte abgesehen von dauerhaftem Klatschen und vereinzelten „Wir sind das Volk“-Rufen waren und sind dabei nicht vorhanden.

Bei der Versammlung am Montag beteiligten sich etwa 150 „Corona-Rebellen“. Versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, wurden mit dem Kommentar „Ihr seid doch links“ abgeblockt. Dies deckt sich mit den Erfahrungen anderer Mitglieder aus unserer Lokalgruppe aus den vergangenen Wochen. Den Gesprächsversuchen war zu entnehmen, dass sich die Beteiligten selbst als „Mitte der Gesellschaft“ und „Steuerzahler“ verstanden. Unter den Teilnehmern dieses Spazierganges waren jedoch auch mehrere Stadtbekannte Rechtsradikale auszumachen – darunter beispielsweise beinahe der gerade erst vom Landesvorstand entmachtete Kreisverband Rostock der AfD und mehrere ihm nahestehende Personen. Eine Teilnahme der Neonazi-Hooligans vom sog. „Aktionsblog“ wie in der vergangenen Woche war diesmal nur vereinzelt zu erkennen.

Die Kundgebung von „Rostock nazifrei“ wurde von ca. 200 Menschen besucht, welche unter einem enormen Polizeiaufgebot mit Hamburger Gittern befriedet wurde – eine in unseren Augen völlig überzogene Maßnahme. Im Gegenzug zum unangemeldeten Spaziergang wurde auf den Kundgebungen penibel auf den Infektionsschutz geachtet, indem Mindestabstand eingehalten wurde, alle Teilnehmer*innen Masken trugen und namentlich erfasst wurden. Inhaltlich fanden empfanden wir die Kundgebung als gelungen mit passenden Transparenten und Redebeiträgen, die besonders auf die patriarchale Dimension der Corona-Krise hinwiesen, da insbesondere Frauen* die zusätzlichen Belastungen und Gefahren schultern müssen.

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(c) Bildwerk Rostock @ flickr

Im Verlauf des „Spazierganges“ wurde dieser von Polizei und Gegendemonstrant*innen gestoppt und alle Teilnehmer*innen erkennungsdienstlich behandelt. Dass es dazu erst die Aufforderung aus dem organisierten Gegenprotest brauchte, ist im besten Fall auf die Inkompetenz der Polizei als Repressionsorgan zurückzuführen, im schlechtesten Fall ein Zeichen stillschweigender Komplizenschaft oder Einverständnis mit den „Corona-Rebellen“.

Von unserer Seite wollen wir anmerken, dass die Kundgebung „Solidarität braucht mehr als Klatschen“ sehr gute kritische Ansätze zur Corona-Krise geliefert hat – dass besonders Frauen*, Prekarisierte, Migrant*innen, Geflüchtete, Studierende und Teilzeitarbeitende und viele weitere Gruppen besonders unter der derzeitigen Situation zu leiden haben und durch die kurzfristigen Staatskredite eher dauerhaft in Verschuldung und Lohnabhängigkeit gezwungen werden. Solidarisch zu kritisieren wäre, dass einige Beteiligten sich sehr inhaltsleer auf das Beleidigen der „Gegenseite“ versteiften und eine Einwirkung auf die Umstehenden nur vereinzelt erkennbar war. Weiterhin finden wir als organisierte Anarchist*innen es zumindest fragwürdig, auf der einen Seite (wenn auch in anderer Form als die „Rebellen“) staatliche Willkür anzusprechen und zu kritisieren und gleichzeitig die Repressionsorgane für die eigenen Zwecke einzuspannen.

Als Schlussnote bleibt uns nur die Aussicht, dass die Auswirkungen der Corona-Krise im wirtschaftlichen Bereich erst noch einschlagen werden und wir uns als linke und anarchistische Kräfte nicht mit Selbstvergewisserung und szeniger Abgrenzung nach außen begnügen können und dürfen, wenn wir das Potenzial für Veränderung im emanzipatorischen Sinne nicht den rechten und reaktionären Kräften überlassen wollen.

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